Moto Guzzi V85 TT im 50.000-Kilometer-Dauertest | MOTORRADonline.de

2022-03-18 03:24:11 By : Mr. Daniel Xing

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Nach einem Sturz wurde der Dauertest der Moto Guzzi V85 vorzeitig abgebrochen. Mit einer neuen Maschine geht es weiter. Wieder ist das Ziel 50.000 Kilometer zu erreichen. Ob es 2022 klappt?

Kollege Jens Kratschmar schnappte sich die Guzzi kurz nach der Herbstausfahrt für ein langes Wochenende. Seine Eindrücke:

Der Guzzi-Twin mit seinen 853 Kubik zeigt in seiner Euro-5-Abstimmung deutlich das Ende des Konzepts der luftgekühlten Motoren. Besonders wenn der Antrieb mit im Grunde charmanten Spitzenwerten kokettiert: 76 PS bei 7.500 Touren und 82 Nm bei 5.000/min taugen. Doch leider wird der Twin erst ab 3.000 munter. Darunter gähnt er sich den Drehzahlmesser entlang. Immerhin gehen Laufruhe und Laufwille Hand in Hand, was das größte Kompliment für die unteren Drehzahlhälfte ist. Ab 4.000 /min kommt Leben in die Maschine, die Guzzi entwickelt brauchbare Leistung, atmet herrlich hörbar durch und zieht mit unfassbar gut gestimmtem Sound beherzt davon. Übrigens: Der Motor läuft bereits im Mapping "dynamisch". Was soll da noch weniger gehen? Ich befürchte Schlimmes.

Die an sich stämmig wirkenden Federelemente, müssen einiges mitmachen und sind dann doch nur Stangenware. Bei einem Fahrer mit über 120 Kilo in Montur kommen die Federn an die Grenze und können fehlende Dämpfung nicht mehr kaschieren. Problem im Kontext des Dauertesters: Die Vorspannungen vorn und hinten sind schon fast maximal, entsprechend holpert die V85 über kurze Stöße recht uncharmant. Einmal in Bewegung und bei langen Stößen funktionieren Feder und Dämpfung gut. Trotzdem: In schnellen Kurven mit Lastwechseln in Schräglage fühlt es sich an als würden Vorderrad und Hinterrad unterschiedliche Dinge wollen. Erinnerungen an japanische Klappscharnier-Fahrwerke der 1970er kommen auf. Derzeit montiert: OE-Bereifung Michelin Anakee Adventure. Feiner Herbstgummi, selbst bei unter 10 Grad und feuchten Morgen-Straßen ab Meter eins souverän und schenkt viel Vertrauen. Vorderreifen auf der TT deutlich überhandlich mit leichter Tendenz zum Kippeln, wenn die Schräglagen höher oder die Einlenkwinkel spitzer werden. Trotzdem: Der Reifen macht der Guzzi Beine.

Hier holt die Guzzi Punkte. Mit 1,88 Metern sitzt der Chronist hervorragend auf der V85. Die dünn wirkende Sitzbank hat Langstrecken-Qualitäten, Fußrasten sitzen passend und wenn man sich an den hohen Lenker gewöhnt hat, weiß man ihn zu schätzen. Punkte verliert sie in der Bedienung: Instrument verspielt und überfrachtet. Schalter funktional, aber mit matschigem Druckpunkt und im Dunkeln nur auf Verdacht zu finden. Schalter der an sich sehr schwachen Griffheizung nicht ohne Hand vom Lenker zu erreichen. Top-Licht, da strahlt selbst das Tagfahrlicht überragend ins Dunkel. Abblendlicht tadellos. Fernscheinwerfer: Stadion-Flutlicht.

Da hat Guzzi einen echten guten Job gemacht. Das wirkt zu großen Teilen alles sehr hochwertig und gut gestaltet. Auf den dicken Rohren von Rahmen und Hilfskonstruktionen wirkt der Lack zentimeterdick aufgetragen. Sehr fein. Koffersystem ab Werk leider nicht, da zu klein. Ungeschickt ist der Schlüssel gemacht, der sich optisch vom Zündschlüssel nur sehr schwer unterscheiden lässt, da gleiche Form und Farbe. Und wer mit falschem Schlüssel ohne Geduld die Koffer öffnen will, der läuft Gefahr, den Zündschlüssel mindestens zu verbiegen.

Für 8.500 Euro kann man nicht mehr Motorrad erwarten, leider kostet die Moto Guzzi V85 TT in die Evocative-Lackierung 12.590 Euro. Für die Kohle muss mehr kommen als Name und Nimbus.

27. September 2021: Zur allgemeinen Freude wurde der 50.000er-Marathon kürzlich mit einem neuen Exemplar erneut in Angriff genommen. Und so erstrahlt unsere 2021er-Guzzi nun in der feschen Farbgebung "Giallo Mojave”. Vorm Start der Herbsttour hatte die Guzzi exakt 1.008 Kilometer abgespult, ihr einziger Werkstattbesuch zuvor war die 1000-Kilometer-Inspektion. Bis dahin einziger Fauxpas: Die Schlösser der neuen Koffer lassen sich überdrehen, was dazu führt, dass das Gepäckteil festsitzt. Weitere Neuerungen zur Vorgängerin? Da wäre zum einen ein notwendiges Update auf Euro 5. Dafür sorgt neue Software, die von exponiert auf den Krümmern sitzenden Lambdasonden mit Informationen versorgt wird. Optikfetischisten ist dies eher ein Dorn im Auge, doch saubereres Abgas und moderater Verbrauch sind eben Zeichen der Zeit. Des Weiteren rollt die 2021er-Version von Guzzis aktuellem Hoffnungsträger nun auf leichteren Kreuzspeichen-Rädern. Sie sehen fesch aus und unterstreichen die in Europa leider legal schwierig auszulebenden Gelände-Ambitionen. Fahrmodi gibt’s ab sofort fünf anstatt drei. Besonders interessant beim zweiten Anlauf ist die Frage, ob die aktualisierte V85 TT ihre Kinderkrankheiten abgelegt hat. Dem Triebwerk trauen wir ohne Bedenken eine Weltumrundung zu. Auf der Herbstausfahrt hätten wir uns eine verstellbare Scheibe gewünscht. Und lange Kerls (oder solche mit großem Schuhwerk) beklagten eingeschränkte Platzverhältnisse wegen der raumgreifenden Ausleger für die Soziusrasten. Immerhin ist die fette Sitzbank absolut langgstreckentauglich.

Ein im Gras verborgener solider Stein, der die TT auf ihrer tangentialen Bahn äußerst unsanft stoppte, war am Ende der Grund für das Abbrechen des Dauertests. Die Moto Guzzi V85 hatte bis dahin exakt 32.104 von 50.000 Kilometern gesammelt. Da der Mensch nur psychisch lädiert, die Maschine fahrbereit und der Ort des Geschehens zu längerem Verweilen nur bedingt geeignet ist, wird selbiger flugs aus eigener Kraft verlassen. Einige Tage später wird im Beisein von MOTORRAD beim Importeur der Motor geöffnet. Es zeigt sich, dass der Impact so heftig war, dass trotz des Sturzbügels aus dem Originalzubehör der vordere Lagerbock der Kipphebelwelle gebrochen war. Ferner wurden die Passungen der entsprechenden Hülsen zwischen Zylinder und -kopf oval geweitet. Zudem wurde ein Haarriss an einer Verstärkungsrippe des Motorblocks entdeckt. Worauf die Guzzi ohne unser Wissen zurück ins Werk ging. Dort wurde sie penibel gecheckt, wieder schön gemacht, der Haarriss hartgelötet und nach Rücksprache mit der Redaktion rechts ein gebrauchter Zylinder samt Kolben montiert. Auf dass der Dauertest weitergehen möge. Doch weil nach solchen Eingriffen in den Antrieb ein Testergebnis, egal wie es ausfällt, immer anfechtbar ist, bat Moto Guzzi letztendlich doch, den Test abzubrechen. Dieser Bitte nachzukommen fiel uns zwar schwer, doch der Dauertest wird fortgesetzt: mit einem 2021er-Modell.

Am 13.5.2019 und somit genau richtig zum Alpen-Masters traf eine mit gerade mal 350 Kilometern auf dem bunten Tacho beinahe noch jungfräuliche, graue Moto Guzzi V85 TT in der Redaktion ein. Wir hätten eigentlich lieber eine bunte gehabt, doch die Erklärung des Importeurs leuchtet ein: Die einfarbigen, sprich grauen, blauen oder roten V85 werden ab Werk mit Metzeler Tourance Next besohlt, die weiß-gelben und weiß-roten Geschwister kommen mit den etwas grobstolligeren Michelin Anakee Adventure zum Kunden. Und da das Alpen-­Masters auf Asphalt ausgetragen wird, bekamen wir eben die "Straßenversion". Wie sich im Alltag und bei den Fahrten zur Reifenempfehlung noch zeigen sollte, ist es der TT im Grunde völlig egal, auf welchen Gummis sie steht. Sie würde wohl auch noch auf den sehr grobstolligen und nicht freigegebenen Continental TKC 80 unbeirrt geradeaus laufen und sich willig abwinkeln lassen. Eigentlich könnte sie auch V85 TP (Tutto Pneumatico) heißen.

Nach der Erstinspektion, die mit 1.500 Kilometern beim Importeur erfolgte, hieß es Farbe bekennen: 77 PS und 74 Nm bescheinigte ihr der Leistungsprüfstand. Auf dem Papier sollten es jeweils 80 Einheiten sein, doch geschenkt. Dafür bestätigte der Prüfstand das gefühlte Drehmomentloch bei 3.000/min. Erst darüber ist der V2 bei der Musik, und ab 6.000/min erlahmt die Drehfreude auch schon wieder. Der eher den Bologneser Twins zugetane Testchef Andi Bildl bescheinigte dem Twin denn auch Sanft-, aber auch Blutarmut, freute sich jedoch über das tolle Handling, die gute Sitzposition sowie das sich für Guzzi-Verhältnisse leicht und präzise zu bedienende Getriebe. Harry Humke, MOTORRAD-Urgestein und unter anderem Besitzer einer Dreizylinder-Laverda, beklagte augenzwinkernd: "Das ist keine Guzzi mehr! Alles funktioniert, viel zu weichgespült."

Allgemein erntete die Moto Guzzi V85 TT von fast allen Fahrern großes Lob für ihr ausgewogenes, ebenso handliches wie stabiles und neutrales Fahrverhalten. Auch die Unterbringung von Fahrer wie Co-Pilot fand mehrheitlich Zustimmung. Aufrecht, entspannt, langstreckentauglich, so der Tenor. Oft erwähnt wurde im Fahrtenbuch die vermeintlich nur sporadisch funktionierende Ganganzeige. Dazu muss man wissen: Der eingelegte Gang wird nicht via Sensor am Getriebe erkannt, sondern aus Drehzahl und Geschwindigkeit errechnet. Zieht man die Kupplung, tippt der Rechner auf Leerlauf und zeigt einen Strich im Display an. Bei Auslieferung war der Kupplungsschalter so eingestellt, dass er schon bei zartester Berührung des Hebels reagierte. Seit einer Neujustage sind Striche wie Klagen Vergangenheit.

Zwar ärgerlich, aber nicht weiter tragisch waren die gerne beschlagenen Blinker. Mittlerweile hat man dem Zulieferer ins Gewissen geredet, die undichten auf Garantie getauscht, und mit den neuen ist alles gut.

Gar nicht gut indes war, was Online-Redakteur Uli Baumann widerfuhr. Er weilte just zum alljährlichen Open-House-Event von Moto Guzzi zum Zwecke des Urlaubs in der Nähe des Comer Sees, und der Plan war, dort im Werk die 10.000er-Inspektion durchführen zu lassen. Doch auf dem Weg dorthin entließ der Endantrieb des Kardans reichlich Öl aufs Hinterrad. Um das Wohl von Ross und Reiter nicht zu gefährden, kam dann nicht die Guzzi nach Mandello, sondern Mandello in Form zweier Mechaniker samt gebrauchtem Winkeltrieb im Gepäck zur Moto Guzzi V85 TT, um diesen zu tauschen. Der originale sollte nach Begutachtung und Instandsetzung wieder zurückgetauscht werden, doch ist dieses Unterfangen über die Zeit im Sand verlaufen. Das verbaute Ersatzteil hatte auch noch nicht das mittlerweile ab Werk eingesetzte zusätzliche Dichtungspaket, dieses wurde dann bei einem ohnehin fälligen Reifenwechsel installiert. Doch auch vor dem Einbau hielt der Antrieb dicht. Die einmal nach einer flotten Autobahntour bei hochsommerlichen Temperaturen auf der hinteren Felge gefundenen Tropfen entpuppten sich als im wahrsten Sinne des Wortes überflüssiges Dichtungsfett. Der Winkeltrieb wird nämlich unter Last ordentlich warm.

Generell läuft der V2 mit hohen Temperaturen. Zu Beginn des Dauertests kamen einige Leseranfragen, die sich Gedanken über die hohen Öltemperaturen machten. Was uns dazu bewog, der Moto Guzzi V85 TT anstelle des Ölmessstabs, der hier dank Ölschauglas nur ein Deckel ist, ein Ölthermometer (www.rr-motorsport-ries.de) zu spendieren. Dies ist zwar während der Fahrt überhaupt nicht und im Stand nur unter Verrenkungen ablesbar, aber zur Information reicht das. Man kann feststellen, dass selbst im Winter binnen wenigen Kilometern 80 Grad in der Ölwanne erreicht werden. Im normalen Landstraßenbetrieb sind etwa 110 Grad Usus, und bei schneller Fahrt auf der Autobahn können es auch mal gut 130 Grad sein. Laut Aussage eines Guzzi-Händlers sind diese Temperaturen überhaupt kein Problem, zumal ab Werk 10W60-Öl vorgeschrieben ist.

Doch zurück zum Thema: Die 10er-Inspektion wurde dann im September zu Hause nachgeholt, sie kostete 298,45 Euro. Bedingt durch den Winter dauerte es 275 Tage, bis im Juni der 20er-Service für die Moto Guzzi V85 TT anstand. Mit 288,45 Euro war er etwas teurer, beinhaltete aber neben dem üblichen Öl- und Filterwechsel eine nochmalige Kontrolle des Endantriebs auf Undichtigkeiten. Ohne Befund übrigens. Kaum 112 Tage später, im Oktober, stand dann schon der 30er-Check an. Außer Spesen, sprich Ölwechsel, war nichts gewesen. Dass die Rechnung mit 389,40 Euro doch etwas höher ausfiel, lag am vorgeschriebenen Tausch der beiden Zündkerzen, von denen jede satte 30 Euro kostet, sowie am Wechsel des Getriebeöls. Doch Moment mal, keine Verschleißteile? Im Prinzip nicht. Die hinteren Bremsbeläge wurden bei Kilometerstand 16.621 für 95,05 Euro getauscht, die aktuellen haben noch gute 1,5 Millimeter Belagstärke. Dito die vorderen, die, man höre und staune, nach über 30.000 Kilometern noch die ersten sind.

Was den Verbrauch angeht, hält sich die Moto Guzzi V85 TT vornehm zurück. 4,2 Liter auf der Verbrauchsrunde und 5,2 bei Autobahn 130 km/ können sich sehen lassen. Ganz entspannte Tourer schaffen auch die Drei vor dem Komma, die Volle-Pulle-Fraktion die Sieben. In der Regel reichen zwischen vier und fünf Liter für den 100er. Auf den bislang gefahrenen 30.000 Kilometern mussten in Summe 1,9 Liter Öl nachgefüllt werden, dies stets nach langen Vollgas-Autobahnfahrten. Da das Ölvolumen nur 2,0 Liter beträgt und es ohnehin recht heiß wird, empfiehlt es sich, den Ölstand im Auge zu behalten. Tourern wiederum kann das egal sein. Mitunter musste über Tausende Kilometer kein Tropfen nachgefüllt werden.

Auch mit Reifen geht die Moto Guzzi V85 TT sparsam um. Bei Kilometer 3.367 wurden fürs Alpen-Masters brandneue Metzeler Tourance Next aufgezogen, die bei Kilometer 13.203, da verschlissen, wieder durch die Erstbereifung ersetzt wurden. Die wiederum musste bei Kilometer 21.939 dem Dunlop Trailmax Meridian weichen. Bei der Reifenempfehlung (siehe Bildergalerie) könnte der Eindruck entstehen, dass wir den Meridian nicht getestet haben. Das stimmt so nicht, erst bei Kilometer 31.800 wurde er, noch weit von der Verschleißgrenze entfernt, wegen der Reifenempfehlung demontiert. Über 9.861 Kilometer harmonierte er im besten Sinne unauffällig mit der TT. Im Fahrtenbuch finden sich keine Bemerkungen über die Dunlops, das darf als Kompliment aufgefasst werden. Zum einen ist die Guzzi nicht übermäßig leistungsstark und vom Fahrwerk so aus­gewogen, dass sie mit jedem Gummi zurechtkommt, zum anderen liegen die Pellen mittlerweile auf einem so hohen Niveau, dass die Unterschiede nur im direkten Vergleich wirklich zutage treten. Zum anberaumten Termin konnten wir noch nicht alle Reifen durchtesten, werden dies jedoch baldmöglichst nachholen.

Mehr Kommunikationsbedarf gab es zum Thema Antrieb. Grundsätzlich gefällt der brummbärige Charakter des V2. Der voluminöse, aber nicht laute Klang kommt gut an, ebenso die Laufkultur. Bei der Charakterisierung der Leistungsabgabe scheiden sich aber die Geister. Während die einen in der Moto Guzzi V85 TT einen wohlig erdenden, den Kopf freiblasenden und die Sinne massierenden Seelenschmeichler sehen, beschweren sich die anderen darüber, dass unter 3.500/min nicht wirklich viel geht, zum flotten Vorankommen, besonders wenn mit zwei Personen besetzt, viel geschaltet werden muss, der Motor insgesamt wesentlich weniger souverän ist, als er mit seinem massigen Äußeren zu sein vorgibt, und sich beim Beschleunigen im sechsten Gang primär das gutturale Ansauggeräusch und weniger das Tempo ändert. Letztendlich haben beide Fraktionen recht, und im direkten Vergleich mit der Ténéré 700, die deutlich weniger Hubraum hat, aber leistungsmäßig in der gleichen Liga spielt, zieht der Mandello-Twin in puncto Vitalität klar den Kürzeren. An dieser Stelle sei eine quasi private Anmerkung des Autors erlaubt, der im Besitz einer 1100er-Griso ist. Die kugelt einem beim Beschleunigen auch nicht gerade die Arme aus, doch die 10 bis 15 Nm mehr beim im Alltag oft genutzten Drehzahlbereich zwischen 3.000 und 4.000/min machen genau den Unterschied zwischen "Jau, passt!" und "Wie, das war’s schon?" aus.

Insgesamt überwiegt aber das Lob, und Reiseonkel Markus "Bibi" Biebricher bringt es auf den Punkt. KTM, schreibt er, sei "ready to race". Moto Guzzi hingegen "ready to relax". Wie recht er doch hat. Für diese Zwischenbilanz bekam die Moto Guzzi V85 TT einiges an Originalzubehör spendiert. Die Heizgriffe für 236 Euro fanden dort keinen Platz mehr. Sie lassen sich, da der Kabelbaum entsprechend konfiguriert ist, Plug-and-play-mäßig anbringen, mitunter muss nach der Montage der Gasgriff neu kalibriert werden, was den Gang bzw. die Fahrt zum Händler erfordert. Bei dieser Gelegenheit wurde dann auch der immer öfter unvermittelt knallrot aufleuchtenden Anzeige "Service-Alarm", die empfindliche Gemüter durchaus verunsichern kann, auf den Grund gegangen. Beim Auslesen des Fehlerspeichers stellte sich heraus, dass der vordere Bremslichtschalter die Ursache war. Nach dessen Tausch auf Garantie war nicht nur die Anzeige weg, auch der Tempomat funktionierte wieder. Denn dieser schaltet sich unter anderem ab, wenn man eine Bremse betätigt. Besteht nur geringster Zweifel an der einwandfreien Funktion, geht der Tempomat nicht. Besser ist das.

Ungeachtet dieser kleinen Unpäss­lichkeiten machte sich die Moto Guzzi V85 TT bislang viele Freunde, und es sieht so aus, dass dies auch die nächsten 20.000 Kilometer so bleibt. Wie gesagt: tolles Teil, die TT.

MOTORRAD-Actionteam-Reiseleiter Daniel Lengwenus hat sich die Guzzi für eine längere Tour ausgefasst: Was ist das denn? Schon auf den ersten Metern gebärdet sich der V-Motor mit 80 PS unter 3.000 Umdrehungen wie ein Porsche-Trecker. Viel Getue, kein Vortrieb. Das sollen 80 PS sein?

So ein Display habe ich zuletzt am Thermo-Mixer meiner Schwester gesehen, total verspielt, weißer Hintergrund mit blauem Drehzahlmesserband. Irgendwie wirkt das etwas deplatziert und nicht wie für ein Motorrad gemacht. Die weißen Zahlen auf blauem Hintergrund lassen sich nur sehr schlecht ablesen. Außerdem gibt es Symbole, die man tatsächlich nur im Nachtmodus wahrnimmt, weil die hellgrau auf weiß abgebildet sind, also getarnt.

Auf der Autobahn läuft die Guzzi schön ruhig. Bis Tempo 180 ist alles im Lot, dann beginnt der Schaltblitz seine ersten zwei Lämpchen zu zünden. Man ist also kurz vorm Drehzahlbegrenzer und sollte es dabei belassen. Irgendwie stellt sich das Gefühl ein, man sollte den gelben Hinweis im sechsten Gang eher nicht länger stehen lassen, also nimmt man instinktiv das Gas raus. Überhaupt gibt sich der Motor nicht besonders drehfreudig, bei 6.500/min ist eh Schluss. Der Verbrauch ist echt OK, 5,3 L/100 km bei einem Durchschnittstempo von 120 km/h auf der Autobahn kann man stehen lassen. Wie man den Tempomaten bedient, habe ich bis zur Ausfahrt nicht herausfinden können. Geht der überhaupt? Und wenn ja, wie aktiviert man den?

Das Menü auf der ersten Ebene zeigt zwei Trips und den Einstieg in tiefere Ebenen. Diese sind einfach und intuitiv bedienbar. Das findet man selbst während der ersten Fahrt schon heraus. Die Hebeleien sind einstellbar, das ist gut so. Die Sitzbank ist recht bequem, auch nach zwei Stunden noch und die Sitzposition passt. Auch wenn man old school eher auf dem Motorrad sitzt als sich integriert zu fühlen. Das Fahrwerk vermittelt Sicherheit, auch in lang gezogenen Kurven und ist eher auf der straff gedämpften Seite.

Der Windschutz ist minimal, trotz nicht mal kleiner Scheibe, die Handprotektoren sitzen viel zu tief und lassen die Hände schnell nass werden und ebenso schnell auskühlen. Wofür sind die gedacht? Nur als Sturzprotektor etwa? Für mich sieht sie viel besser aus, als sie fährt. Schade, ich hatte mich auf sie gefreut.

Uli Baumann, Online-Redakteur, entführte die Guzzi auf einen Italien-Trip:

Die Moto Guzzi V85 TT ist ein sehr angenehmer Reisebegleiter. Der Windschutz der Verkleidung ist bei einer Fahrergröße von 1,89 Meter gut, der Wetterschutz der Handprotektoren weniger – sie sind einfach zu klein. Die Kombination aus großem Tank und geringem Verbrauch erlaubt enorm hohe Reichweiten – 450 Kilometer sind kein Problem und lassen sich auf der bequemen Sitzbank auch locker aussitzen. Sehr angenehm zeigt sich der V2, lässt sich schaltfaul und auch drehzahlreduziert im Großen Gang fahren, zieht immer aus dem Keller und auch die Vibrationen halten sich in Grenzen. Leichtes Schieberuckeln überspielt der V2 in den meisten Situationen Kraft seiner Schwungmasse. Klar ist der 850er kein Dampfhammer á la BMW GS, aber die Leistung reicht eigentlich immer und überall. In der Mitte dürften sie ihm in Mandello aber gerne mehr Drehmoment gönnen. Sehr angenehm ist der Sound – kraftvoll, aber nicht laut.

Handlich, spurstabil, ausreichend straff und zudem komfortabel zeigt sich das Fahrwerk. Es kann Autobahn genauso wie schlechte Wegstrecken. Die Bremsanlage ist allen Anforderungen gewachsen, zeigt ordentlich Biss und lässt sich gut dosieren. Die Sozia sitzt bequem, auf der langen Bank allerdings etwas zu weit weg vom Fahrer. Der stabile Gepäckträger nimmt es mit jeder Gepäckrolle locker auf.

Ausgebremst wurde die Guzzi kurz vor der 10.000 km-Marke durch einen Ölverlust am Hinterachsgetriebe. Zunächst nur als Nebel zu erkennen, wurden daraus schnell Tropfen, die sich auf der Felge und dem Hinterreifen verteilten. Da die Guzzi ohnehin gerade in Italien weilte, entschied sich der informierte deutsche Importeur in Abstimmung mit dem Werk in Italien zu einer Ad-hoc-Aktion.

Zwei eigens aus Noale angereiste Werksmechaniker prüften das Problem und attestierten einen Ölverlust am Wellendichtring im Hinterachsgetriebe. Daraufhin wurde das komplette Bauteil vor Ort ausgetauscht und zur Begutachtung mit ins Werk genommen. MOTORRAD wird über die Analyse berichten. Die Guzzi fährt unterdessen mit einem neuen Hinterachsgetriebe weiter.

Stellungnahme von Piaggio: Auf MOTORRADs Forderung nach Klärung hat Piaggio als Inhaber der Marke Moto Guzzi jetzt zwei mögliche Gründe für den Ölverlust genannt. Einerseits könne durch Händler zu viel Öl eingefüllt worden sein (was beim MOTORRAD-Dauertest auszuschließen ist), andererseits könne ein Dichtungsring aus nicht näher bezeichneten Gründen ursächlich sein. Ob dies denn beim Dauertest der Fall gewesen war, wollte MOTORRAD wissen und bekam auf Nachfrage zu Antwort, dass der Simmerring keinen äußerlich erkennbaren Schaden hatte, aber noch detaillierter untersucht werden solle. Weiter heißt es in dem Statement, dass die Fallzahl der betroffen V 85TT "statistisch sehr gering" sei (was ein Sprecher des Herstellers wiederum auf Nachfrage nicht quantifizieren konnte). Und wenn tatsächlich Öl austrete, dann nur "sehr wenig." Außerdem sei dem Hersteller kein dadurch entstandener Folgeschaden, sprich Unfall, bekannt.

Also Entwarnung? Ist alles nur Panikmache? Oder wäre ein kontrollierter Rückruf mit Tausch des Simmerrings die für alle Seiten beste Lösung? Dazu sieht der Piaggio-Konzern derzeit offenbar keinen Anlass. MOTORRAD wird Antrieb und Hinterrad jedenfalls ab sofort sehr genau im Auge behalten – und rät das auch dringend allen anderen Fahrern dieses ansonsten tollen Bikes.

Sonderheft-Produktionsleiter Gerd Mayer entführte die Moto Guzzi V85 TT auf eine Wochenendtour mit Freunden ins Allgäu. Bereits auf der Anfahrt offenbarte die Guzzi ihren entspannten und zugleich entspannenden Charakter. Die bequeme Sitzposition und das ausgewogene Fahrwerk erfreuen vom ersten Meter an. Vor allem hinten federt die Guzzi sehr komfortabel für ein Kardan-Bike.

Der Motor hat nicht wirklich Druck, Überholvorgänge dauern zuweilen etwas länger als erwartet. Dafür entschädigt die V85 TT mit einem wunderbar bassig-warmen V-Motor-Sound, sobald die letzten 30 Prozent des Gasgriff-Weges gedreht werden. Auf einer total verregneten und nebligen Pässe-Rundtour am Arlberg und den vielen tempobegrenzten Passagen unterwegs fällt außerdem auf, wie entspannt die Guzzi langsam fahren kann.

Die Armaturen sehen hübsch aus, die Blinkerbetätigung nervt allerdings etwas: Der Schalter rastet nirgendwo ein und bietet zu wenig Rückmeldung für ein Bauteil, das während der Fahrt häufig zum Einsatz kommt. Typisch italienisch eben, wie die Blinkergehäuse mit Aquarium-Funktion: Wasserdicht bedeutet in diesem Fall, dass kein Wasser herausläuft…

Deutlich besser schneidet die Guzzi bei den Themen Cockpit und Gepäckunterbringung ab. Der wunderschön in die Optik integrierte Rohr-Gepäckträger ist einfach nur praktisch. Das Digital-Display wiederum wirkt an der V85 TT zwar etwas fehl am Platz, dafür ist die Anzeige hervorragend ablesbar.

Im Großen und Ganzen ist die Guzzi ein Motorrad für Genießer, die keine 100 PS brauchen um glücklich zu werden und ein stressfreies Bike mit einem absolut zeitlosen Design zu schätzen wissen.

Für Redakteur Thorsten Dentges ist die V85 TT ein schönes No-Stress-Bike. Schlapper Motor, aber guter Komfort auf Tour und erstklassige Gepäckunterbringung (lange Sitzbank sowie Gepäckträger, Top-Verzurrmöglichkeiten an Sozius-Haltegriffen) und ein angenehmes Fahrwerk. Zudem kardanbedingt kein Stress unterwegs, weil keine Kette zu pflegen ist. Allerdings haben sich bei der geringen Kilometerzahl schon kleine Ärgernisse in der Qualität herausgestellt. Eine Soziusraste klemmte total, bei der anderen ist das Sperrkügelchen herausgefallen, also war sie klapprig locker. Während normaler Autobahnfahrt mit wenigen Kupplungsvorgängen hat sich außerdem wie von Zauberhand der Bowdenzug scheinbar immer weiter gelängt.

Im Allgäu angekommen, war Anfahren kaum noch möglich, weil man nicht auskuppeln konnte. Wie sich herausstellte, hatte sich die Verstellschraube von alleine gelockert und saß generell nicht besonders fest. Habe mir mit Kabelbinder eine improvisierte Lösung geschaffen. Erinnert mich alles an alte 80er-Jahre-Zeiten, als die Technik noch so "fahrradmäßig" war – soll das bei der neuen Guzzi jetzt etwa Retro sein? Darauf kann ich verzichten…

MOTORRAD-Trainee Ferdinand Heinrich hat die Moto Guzzi V85 TT für einen Wochenendtripp genutzt. Hier sein Resumee: Die V85 ist ein unkomplizierter Reisebegleiter, auf dem man sich ziemlich schnell wohlfühlt. Das liegt auch am druckvollen Motor, der zwar nicht allzu sportlich ist, aber trotzdem eine gewisse Souveränität bietet. Das gilt auch für das Fahrwerk. Weder schnelle Autobahnetappen noch holprige Landstraßen trüben den Fahrkomfort, auch die Sitzbank blieb nach drei Stunden noch bequem. Abgesehen davon ist die fast schon klassisch gehaltene TT natürlich auch ein Hingucker. Ich freue mich schon auf die nächste Ausfahrt mit der Guzzi! Direkt nach dieser Tour ging es für die V85 zur Inspektion.

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